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Geschichte der Filmtheorie Geschichte der Filmtheorie.
Kunsttheoretische Texte von Méliès bis Arnheim.

Herausgegeben und eingeleitet von Helmut H. Diederichs.
Frankfurt am Main: Suhrkamp-Verlag 2004.
420 Seiten. 14,50 Euro. ISBN 3-518-29252-8
(Reihe stw, "suhrkamp taschenbuch wissenschaft", Nr. 1652).

 

"Seit seinen aufsehenerregenden und höchst folgenreichen Anfängen ist der Film Gegenstand theoretischer Überlegungen gewesen. Die vorliegende Sammlung macht die zentralen Texte der Theoriegeschichte des Films zugänglich und ordnet die Originaldokumente sowohl zeitlich wie auch nach unterschiedlichen Themengebieten. Dabei wird eine Entwicklung deutlich, die von der Frage nach der Abbildung der Wirklichkeit über die Theorie der Schauspielkunst bis hin zu Fragen des Schnitts und der Montage reicht. Eine ausführliche Einleitung zeichnet die Zusammenhänge der unterschiedlichen Texte nach und gibt weiterführende Informationen. Neben ästhetischen werden auch wahrnehmungs- und kunsttheoretische Fragen ausführlich diskutiert und in ihrem historischen Kontext detailliert dargestellt.
Mit diesem Band liegt ein umfassendes Kompendium der ersten fünfzig Jahre der Filmtheorie vor, das historische wie theoretische Aspekte des Films gleichermaßen berücksichtigt und damit zugleich eine konzise Einführung in die Geschichte und Theorie des Films bietet."
(Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Programmvorschau)

 

Rezensionen

Thomas Meder in Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.2.2004:
In den letzten Jahren vor dem Ersten Weltkrieg gab es in Deutschland ein außerordentliches Interesse an den laufenden Bildern. ... Ist es aber bereits Filmtheorie, wenn Georges Méliès aus der Hexenküche seiner optischen Tricks berichtet? ... Eine verständliche Hilflosigkeit spricht aus vielen frühen Äußerungen, dem Neuen des Films systematisch gerecht zu werden. Von Anfang an aber wird das bewegte als Extension des ruhenden Bildes begriffen. ... Auch die Frage nach den "eigenen Gesetzen des Films" wird früh erhoben, 1914, von einem Autor mit dem sprechenden Namen Lux. Der klassischen Filmtheorie der zwanziger und vor allem der dreißiger Jahre gelingen umfassendere Antworten. Sie finden sich im zweiten Teil der "Geschichte der Filmtheorie" anthologisiert.

Fritz Göttler in Süddeutsche Zeitung, 29.3.2004:
Ein Prolog, die Visionen eines Praktikers - danach wird es schnell streng, seriös, theoretisch. Der Herausgeber Helmut H. Diederichs, versierter Kenner der frühen Filmtheorie, gibt die Linie vor: "Ein künstlerisch avancierter und anspruchsvoller Gebrauch der filmischen Ausdrucksmittel ist auch heute noch ein Kennzeichen der besseren Filme." Zur Rettung der künstlerischen Wirklichkeit im Kino wurden starke Kategorien und Argumente ins Feld geführt, und statt der Vues von Méliès ging es nun ums Kinodrama. Es galt den Odeur des Populären, der Massenkunst zu bannen, die Literaten sollten retten, was am Kintop zu retten war. Man findet ein merkwürdiges Gemisch von Irritation, Schauder, Sympathie in diesen Texten ... In den Zwanzigern werden die Texte freier, frischer, frecher. ... Die Filmtheorie kommt endlich voll in Fahrt.

Tyrone Slothrop in www.amazon.de/Geschichte-Filmtheorie-Kunsttheoretische-Melies-Arnheim/dp/3518292528/ref=sr_1_41?ie=UTF8&s=books&qid=1229607308&sr=1-41, 16.5.2004:
Helmut H. Diederichs ist Archäologe. Seine Ausgrabungsstätten finden sich jedoch nicht in der Steppe oder in der Wildnis, nein, sein Metier sind die Archive und Bibliotheken, deren Sammlungen von Zeitschriften, Mikrofilmen und Büchern, sein Gegenstand: Frühste Formen der Filmpublizistik. Seine Dissertation befasst sich mit dem Ursprung der deutschen Filmkritik in Deutschland, wie sie wurde, was sie ist (ja, was sie überhaupt ist!). Seine Habilitationsschrift beschäftigt sich schließlich mit der Geschichte der deutschen Filmtheorie, wie also die vom einzelnen Film abstrahierte Wahrnehmung, was Film denn eigentlich ist, was ihn ausmacht, wurde, was sie ist.
Mit "Geschichte der Filmtheorie" hat er gewissermaßen seine Quellen auszugsweise, aber auch zum Teil um russische Beiträge zusammengefasst und eine Geschichte der Filmtheorie anhand ihrer Quellen und Dokumente nachgezeichnet. Berücksichtigt wurden vor allem bemerkenswerte, für gewisse Ansätze repräsentative Texte, des weiteren wurden mehrere Texte nach Gegenstand und Fragestellung in Kapitel gefasst und darin chronologisch sortiert. Diskussionen, Fortschritte, gegenseitige Beeinflußungen werden dadurch mithin sichtbar.
Natürlich ist dies kein didaktisches Buch. Vieles, was darin steht, ist längst hinfällig, hinreichend widerlegt oder schlicht geschmäcklerisch oder borniert eitel. Doch darum geht es nicht: Wer filmtheoretische (Er-)Kenntnisse sucht, die vor dem gegenwärtigen Stand der Dinge Bestand haben (oder aber: ohne die dieser kaum begreifbar wäre) ist mit diesem Buch weniger gut beraten. Seine Stärke bezieht das Buch eher daraus, dass erkenntlich wird, aus welchen Diskussionen, Problemfeldern und Fragestellungen heraus sich die Standardpositionen der Filmtheorie ergaben - auch Kracauer und Balasz haben ihre Klassiker schließlich nicht vom Baum gepflückt, sondern sind erst in Lektüren und Gegenpositionierungen zu weiteren Erkenntnissen gekommen.
Wer filmtheoretisch einigermaßen versiert ist, wird an dieser Sammlung jedoch auch über die Erschließung von historischen Quellen hinaus seine helle Freude haben. Es macht unverhohlen Spaß, die unterschiedlichsten, zum Teil auch recht naiven, zum Teil aber auch vor dem Hintergrund ihrer Entstehung schon beeindruckend weitsichtigen Positionen aus ihren Problemfeldern heraus Stück für Stück nachvollziehen zu können. Mithin entsteht durch diese spannende Lektüre ein geschärfter Blick fürs Ganze der Filmtheorie, der begreifen lässt, dass die heutigen Klassiker allenfalls die kanonisierten Eisbergspitzen damaliger Diskussionen darstellen (auch wenn sie sich größtenteils zu Recht als solche etablierten - keine Frage!). Dass die meisten Texte ungekürzt zu lesen sind, manche aber an sinnfälligen Stellen auch Kürzungen erfahren haben, ist zudem erfreulich. Eine ausführliche Einleitung von Diederichs strukturiert die einzelnen Texte zudem auf verständliche Art und Weise und kann als knappe Zusammenfassung auf engem Raume, die das Exzerpieren beinahe schon hinfällig macht, angesehen werden.
Kurzum: Ganz klare Empfehlung also!
Ein kleiner Schwachpunkt dennoch: Der Titel ist etwas unscharf. Ausgehend von der Lektüre könnte man zu der Überzeugung kommen, dass die Filmtheorie fast ausschließlich auf deutschem Mist gewachsen ist und von russischer Seite aus in einigen Teilfragen Ergänzungen erfahren hat. Dem ist natürlich nicht so gewesen, auch andernorts gab es (wichtige) Diskussionen, die der Filmtheorie ihr Gepräge verpassten. Dies unterschlägt eine so bezeichnete Textesammlung jedoch bereits mit den ersten Worten auf dem Umschlag. Dafür einen Stern Abzug, ansonsten: Topp!